Sonntag, 07. April 2069 – abends nebenan
[ Episode 024 “Berauschender Tausch” ]
Tapcy scheint es geschafft zu haben, den praktischen Familienanschluss bei Kattlen und Luzzie zu bekommen. Ihr Plan war demnach präzise durchdacht und reif genug, um aufzugehen.
Wie gut, dass sie das mit der Familienpsychologie recherchieren konnte. Er selber hätte hier keinen Rat gehabt. Auch keinerlei eigene Ideen, wie er das besser hätte lösen können, kommt Ksavver just in den Sinn, als er die Worte:
“Hurra – es hat geklappt, Ksavver – yippie!”
auf seiner Datenbrille – von Tapcy eben an ihn gesendet – liest.
Beim Abendessen von Knuuds Familie, welches alle hungrig Bissen für Bissen ausgiebig genießen, ist es inzwischen doch schon später geworden. Als Neelsi dann noch anfing, von ihrem seltsamen Traum zu berichten. Überraschend erfährt sie ja dann, dass allen in ihrer Familien das nicht fremd ist. Deshalb gibt Knuud bekannt, was trotzdem irgendwie überraschend ist, dass er dann gleich freiwillig das Wegräumen aller Abendessen sowie der Ausflugsutensilien übernimmt.
So können alle anderen dann einfach aufstehen – ohne auch nur einen Finger zum Helfen rühren zu müssen – und ihm das alles überlassen.
Die viele frische Luft und Bewegung ihres gemeinsamen ersten Sonntagausflugs im Frühling 2069 tut ein Übriges, dass sie alle recht schnell in ihren Betten verschwinden. Morgen, das ist allen bewusst, beginnt der Alltagstrott mit seinen Rechten und Pflichten. Auch solchen, die nicht allen immer so ganz schmecken wollen.
Definitiv sind sie durch die Bank weg viel zu müde, um noch mehr hinter die Traumgeschichte und das darin verwobene vermeintliche gemeinsame Erlebnis zu schauen. Auch um es doch noch weiter zu hinterfragen und zu verstehen, fehlt ihnen der klare Kopf und schlicht die Kraft.
Sie kauen und schlucken also ihren letzten Bissen vom Abendbrot und spülen diesen mit ihrem leckeren Saftgetränk vollends hinunter. Dann stehen sie nacheinander auf, sagen ‘gute Nacht’ und ‘Danke Paps’ fürs Wegräumen und verschwinden in ihren Zimmern und Betten. Natürlich nicht, bevor sie noch schnell ihre Zähne geschrubbt und sich für die Nacht, passend bequem, umgezogen hatten.
Knuud ist das genau so jetzt sehr recht. Er ist sogar richtig froh, dass es zu keinen weiteren Nachfragen zum Traumthema gekommen war. Denn schlicht weiß er gerade nicht, was er weiter darauf antworten könnte.
Seinen eigenen Gedanken nachhängend tätigt er zwar auch schon fast im Halbschlaf die notwendigen Handgriffe, um alles in Vorratschränke und das schmutzige Geschirr in die Spülmaschine zu verstauen. Mit den schmutzigen Geschirrsachen vom Ausflug, kann er die Maschine sogar gleich anschalten und diese über Nacht vor sich hin ackern lassen. Den Strom aus dem Speicher hinter der Photovoltaikanlage nachts weitgehend zu verbrauchen, ist bei schönem Wetter immer voll super. Dann gibt es gleich wieder freie Kapazitäten für neuen Sonnenstrom vom Dach am nächsten Tag.
Außerdem kann er so morgen früh dann frisch aus der Spülmaschine den Frühstückstisch decken. Das freut ihn deshalb immer, weil er dabei unnötiges Wegräumen in die Schränke und damit “bare” Zeit sparen kann.
Trotz seiner eigenen Müdigkeit sitzen die einzelnen Handgriffe auch am Abend bei ihm so zuverlässig, dass er alles recht zügig weggeräumt bekommt. Bevor auch er dann seinen letzten Gang für diesen Tag ins Bad zur dort stationierten elektrischen Zahnbürste unternimmt.
Sein Gebiss sorgfältig gesäubert und polliert, kommt er dann im Schlafzimmer an. Leise legt er sich neben seine Frau Kaatje, auf seiner Bettseite hin. Da er näher am Fenster schläft, öffnet er das davor noch vorsichtig und kuschelt sich dann unter seine Decke. Frische Luft während der Nacht ist ihnen beiden wichtig, um richtig gut und erholsam schlafen zu können.
Apropos Schlafen – hier war seine Frau ihm jetzt doch schon voraus. Nur das Licht – also ihre Nachttischlampe brennt noch. Sie muss wohl – kaum dass sie lag und zugedeckt war – eingeschlafen sein. Denn nicht einmal die Nachrichten auf ihrem Handy liefen noch. Sie hat das Handy sogar noch in der Hand. Wollte es wohl gerade noch für die Nachrichten einschalten, als sie wegdämmerte – ins Traumland.
Wie schön – schlaf gut Kaatje, denkt er sich, ohne auch nur ein unnötiges Geräusch zu machen oder irgendetwas zu berühren, was Geräusche machen könnte. Denn nur das Licht auszuschalten, könnte sie schon wieder wecken. Und mit Schlafen wäre es dann erstmal vorbei gewesen. Das will er auf keinen Fall riskieren, da sie ja morgen auch wieder ausgeschlafen und fit für die neue Woche sein musste, wie er selber ja auch.
Morgen, Montag und neue Woche – da klingelt wieder irgendwo in seinem Hinterstübchen etwas.
Arbeit, Heiße Leine, Kundenservice, Hotline – Tapcy!
Es war ja ruhig geblieben über den Rest des Wochenendes, nachdem sie Tapcy in die richtige Zeit in die Zukunft durch einen Reboot versetzen konnten. Damit hatte er das Thema und auch alles drum herum, auch dank seiner ausgiebigen und reichlichen, ja sehr familiären Ablenkung, automatisch und ohne weiter darüber nachzudenken, abgehakt und “vergessen”.
Doch jetzt, müde und kurz vor dem Einschlafen, poppt genau das wieder auf. Er weiß nicht, was der morgige Tag und die ganze neue Woche – in dieser “Künstlichen Intelligenz” Hinsicht, für ihn selber mit sich bringen würde.
Bevor er ins B-Team “rutschte” – oder besser von seinem MOSH-Chef kurzer Hand persönlich dort hinein “befördert” wurde – was tatsächlich finanziell auch gleich ein Segen für sie als Familie nach sich zog, gab es feste Wochenendregelungen im MOSH Sicherheitsservice für alle Hotliner gemeinsam.
Es war so, dass die Heiße Leine Zeiten am Wochenende unter allen Mitarbeitern aufgeteilt waren. Damit war jeder in einem gleichmäßigen Turnus in eine “Bereitschaft” eingebunden. Nicht alle am selben Wochenende versteht sich, sondern jedes Wochenende eine bestimmte Anzahl von ihnen und die anderen hatten dann ganz frei.
Sollte also bei irgendeinem Kunden, der samstags oder gar sonntags arbeiten musste oder auch bei Kunden in smart abgesicherten Privathaushalten etwas anbrennen wollen – klar, das war ihre Hersteller- und Betreiber-Pflicht, musste und war immer einer vom MOSH-Service zur Stelle.
Zumindest telefonisch: Der Kunde rief nur die Servicenummer an und landete automatisch beim zuständigen und diensthabenden Hotliner, also auch bei ihm, bei Knuud.
Just hier hatte die neue B-Team Zugehörigkeit alles verändert. Diese hat ihn nun aus dieser Bereitschaft automatisch “rausgehauen”, was er gut fand. Allerdings fand das nur “im Tausch” statt. Ob dieser Tausch fair oder für ihn nun tatsächlich besser sein würde, lässt sich nicht so leicht beurteilen. Denn das war ja schlicht direkt von der neuen Maschine Tapcy abhängig. Zudem beinhaltete dieser Tausch jetzt für ihn eine Art “Dauerbereitschaft” gegenüber Ksavver und Tapcy, die er ganz allein aufrecht zu erhalten hatte.
Weil er ja so dicht dran war, musste und konnte er ja immer ganz einfach sofort – ohne Fahrtwege, ohne großen Aufwand, zur Stelle sein. Nach Absprache, also wenn Knuud & Co gerade abgesprochen und geplant nicht zu Hause waren, ginge das zumindest doch sehr, sehr kurzfristig, sollte irgendetwas KI-technisches nicht mehr gehen.
So zumindest war die Argumentation seines Chefs, als der ihm diesen “berauschenden” Tausch – mit seinen logisch durchaus nachvollziehbaren Punkten, einfach “aufzwang”.
Richtig glücklich fühlt sich Knuud darüber nun nicht und schon gar nicht findet er das “berauschend”!
Faktisch ist es eben nicht kalkulierbar. Weder für ihn, noch für seine Familie. Geschweige denn für ihre gemeinsame Familien-Freizeit-Planung. Die wärmere Zeit steht bevor und der Drang nach Draußen – auch in weitere Entfernung weg aufzubrechen, ist in seiner Familie, mindestens seitens seiner, immer auch in dieser Richtung antreibenden, Frau, ja besonders groß.
Wollen sie nun etwas zusammen unternehmen, muss er das vorher mit Ksavver und Tapcy abklären!
Er soll ihnen gegenüber nun immer konkrete Angaben machen, wie und wie schnell – je nachdem, was schief lag und wie hoch die Dringlichkeitsstufe einzuschätzen sein würde, er dann wirklich persönlich auf der Matte stehen könnte oder eben auch nur per Fernschalte zur Verfügung sein würde, um aktiv an der Klärung der dann schräg liegenden Sachverhalte mitzuwirken.
Im Ernstfall unterliegt es zudem jetzt auch nur noch seiner alleinigen Verantwortung, einen echten Notfall, der dann auch für das gesamte B-Team gelten würde, auszurufen. Denn nur dadurch könnte er künftig dann auch alle mit ins Akut-Problem-Lösungs-Boot holen.
So ist das nun seine neue und ganz frisch gebackene Realität seiner lange herbeigesehnten “freien” Arbeitseinteilung im Home-Office. So richtig schmeckt ihm das wirklich nicht. Eher ist das wieder ein Loch enger geschnallt, wenn man es mal mit einem Gürtel vergleicht. Die Arbeitshose im Home-Office wird dadurch eindeutig etwas unbequemer für i…
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