Dienstag, 09. April 2069 – abends
[ Episode 031 “Tierisch überrascht” ]
Der Moment, den ich im vorigen Kapitel schon kurz erwähnt hatte, als Ksavver zu Hause – vom „außer Haus sein“ für Tapcy – nach seinem intensiven Arbeitstag einschlägt, ist ein erneut sehr tief prägender für den Visionär.
Es ist zwar kein Moment nur eines einzigen Augenaufschlages oder nur eines Augenblickes, sondern eher mehrerer Aufschläge oder Blicke. Diese finden aber in dichter Abfolge statt, sodass es einer Animation mit harten Schnitten und damit krassen Szenenwechseln gleichkommt.
Am liebsten würde man dann sofort zurückspulen, auf Wiederholung drücken und dazu die Zeitlupenwiedergabe einschalten wollen. Nur, um sicherzugehen, dass einem nichts entgangen ist und man auch wirklich alles richtig mitbekommen hat.
Dieser Ablauf in kurzer Abfolge stellt Ksavver erneut die Bandbreite seines Unterfanges ‘persönliche Künstliche Intelligenz im Familienalltag für alle’ innerhalb ganz kurzer Zeit vor Augen, mit welcher er es als Top-Manager zu tun hat. Es geht ja um nichts Geringeres, als einen künftigen Kassenschlager. Dieser, der digitalen, technischen und trotzdem ganz persönlichen Art, der möglicherweise dann auch innerhalb eines minimalen Zeitabschnitts faktisch explodieren wird, zumindest, was die Form der Ausbreitung und Nutzung betrifft. Schon jetzt wirft das für ihn sehr deutlich seine Schatten voraus. Trotzdem kann diese Explosion natürlich frühestens erst dann passieren, wenn diese – also seine eigene „private“ Familien-live-Testphase, erfolgreich zu Ende gebracht werden konnte.
Mehr denn je liegt es ihm nun ganz klar auf der Hand, dass es auch für ihn faktisch daraus kein Entrinnen mehr gibt. Für ihn nicht und logischerweise auch für seine ganze Familie nicht!
Für seine Nachbarn?
Dieser Gedanke …
Aber fangen wir doch besser jetzt bei der bevorstehenden Einfahrt mit seinem sportlichen Gefährt in seine Straße an. Sicher kennst du das auch, wenn deine Fantasie mit dir durch geht während du dich auf Dinge oder Situationen einstellst. Neues und noch nie Erlebtes malt dann plötzlich Szenen vor deinem inneren Auge, in so eindrücklichen und bunten Farben, ja lässt diese mitunter so real erscheinen, als würde das gerade so passieren.
Was da aber auftaucht, umfasst oft Dinge aus vergleichbaren oder ähnlichen Situationen und Beschreibungen anderer, die du gehört, gelesen, erzählt oder über Nachrichten vermittelt bekommen hast. Beinhaltet also oft “fremden” Stoff, was alles passieren kann oder bereits einmal irgendwo passiert ist und deshalb mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit auch berechtigt sein könnte, so in deinem Leben jetzt stattzufinden.
Mit dem Resultat – obwohl alles NUR in der blühenden Fantasie deiner eigenen Vorstellungskraft stattfindet und nichts davon real ist – dass das trotzdem sofort deinen Blutdruck ansteigen lässt. Auch deine Körpertemperatur steigt und sorgt sofort für perlige Aussonderungen auf deiner Hautoberfläche, was ja zur Abkühlung dienen soll, bevor dein System zu kollabieren droht.
Genauso geht es Ksavver, als er seiner Straße immer näher kommt und beim Einbiegen direkt ein Stein vom Herzen fällt: Denn da ist ja gar keine Feuerwehr, auch keine Polizei und noch weniger sieht er dort Militär. Keine Hubschrauber drehen ihre Runden über sein Grundstück und auch Panzerfahrzeuge sind außer Sichtweite.
Ja, wirklich, es ist alles ganz ruhig, friedlich und beschaulich wie immer.
Es ist eben eine sehr angenehm ruhige und fast dörfliche Wohngegend am nördlichsten Rand der europäischen Metropole anno 2069. In jener sie einen sehr großzügigen und luxuriösen Bungalow auf einem sehr langen Eckgrundstück ihr Eigen nennen können.
In seiner blühenden Fantasie sah das ganz anders aus. Tapcy sollte doch heute das erste Mal außerhalb ihres Hauses – nur im Garten zwar – aber dennoch für bestimmte Zeit draußen, aktiv sein. Ganz selbstständig sollte sie dort Rasen mähen – mit neuster Power-Laser-Technik von MOSH!
Ganz bewusst wollte er ja nicht anwesend sein und hatte seine frische Agentin Ka, seine Frau Kattlen, zur Überwachung dieses Prozesses beauftragt. Ja, grundsätzlich vertraut er ihr. Irgendwo schleichen sich da doch noch Blitzlichter von Panik dazwischen, weil sie ja auch ganz frisch und ohne Erfahrung in dieser Hinsicht jetzt in seinem Dienst steht.
Aber genau das muss er ja testen, wenn Tapcy es in alle Familien der Nachbarschaft dieser und vieler weiterer Metropolen weltweit schaffen soll.
Das breite Rollgartentor ist automatisch schon weit genug offen, als er gerade einbiegen will. Er hat keinerlei Verzögerung – auch aufgrund seines verringerten Tempos zum Einbiegen auf ihr Grundstück. Dem Garagentor näher kommend rollt sich dieses auch hoch und dabei hat er Kattlens Wagen bereits passiert.
Beim Motor-Abstellen ist das Garagentor schon fast wieder geschlossen und Ksavver nimmt den gleichen Weg, wie Luzzie und Kattlen, seine beiden Agentinnen Lu und Ka, als diese einige Stunden zuvor zu Hause ankamen.
Auch er stellt dann seine Sachen genau dort in der Küche auf der Theke ab, wo auch seine beiden Agentinnen ihre Dinge beim Heimkommen stehen gelassen haben. Genau da stellt er sein Zeugs einfach noch dazu.
Dann schaut er sich um – kann aber niemand entdecken. Weder eine Agentin, noch eine Haushaltshelferin ist breit und weit zu sehen. Kurz hält er inne. Wirkt nachdenklich und macht zudem einen sehr lauschenden Eindruck, um auch mit seinem anderen Sinnesorgan sein Zuhause abzuscannen.
Nachdem er zuvor optisch bereits nichts erfassen kann, verzieht er nun das Gesicht in eine Art Fragezeichen-Grimasse. Denn auch akustisch ist für ihn nicht das Geringste wahrzunehmen.
Trotzdem setzt er sich wieder in Bewegung aus der Küche hinaus in Richtung Essbereich. Er wirkt entspannt und gespannt zugleich, da er von seiner Gangart her entspannt einen Fuß vor den anderen setzt, aber parallel sich permanent umsieht. So als ob er verstecken im eigenen Haus spielt und er gerade dran ist mit Suchen. Fehlt nur noch, dass er „3 – 2 – 1 – ich komme!“ ruft.
Dann, als er den Essbereich vollends durchschritten hat, passiert es. Auch er entdeckt die eine offene Glasschiebetüre zu ihrer Glasterrasse hin. Völlig ahnungslos wird sein Schritt ein bisschen zielstrebiger. Wohl, weil er annimmt, dass diese nicht ohne Grund offen steht. Als er dann den Wohnbereich mit großen Schritten einnimmt und wenige Sekunden später auch komplett durchschritten hat, ohne auch nur eine Menschenseele auf irgendeiner Couch, noch eine Tapcy beim Staubwedeln oder Ähnlichem identifizieren zu können, trennt ihn nur noch ein Schritt vom offenen Durchgang der Schiebetüre.
Mit einem seiner nun recht großen Schritten tritt er hinaus durch die Glastüre, die fast komplett aufgeschoben ist und steht daraufhin draußen auf der Glasterrasse. Auf welcher Tapcy einst gut verpackt von der Drohne per Lieferung durch die Luft abgeworfen und unsanft gelandet war. Letzte Woche war das ja erst. Das passierte nur, weil die Drohne den komplett durchsichtigen Glasboden – auf welchem er jetzt mit beiden Beinen steht – nicht richtig einschätzen konnte. Aufgrund ihrer geringen Rest-Akku-Kapazität war sie dann gezwungen, ihre Lieferung einfach abzuwerfen, um den Rückweg noch zu schaffen. Seither kamen sie in viele weitere brenzlige Situationen.
Daran erinnert, schaut er – immer noch völlig ahnungslos auf der Terrasse – um sich.
Auch hier ist niemand – sehr seltsam!
Da fällt sein Blick über das Glaswand-Geländer der Terrasse, welches oben ein fein poliertes Stahlrohr als Handlauf hat, das auch als sich absetzende Oberkante – bei all dem Glas – fungiert. Zwischen Büschen und kleineren Bäumen hindurch blickt er so direkt auf ihren Garten und den Rasen.
Wow, da packt ihn die maßlose Freude, weil sich dieser in krass einheitlicher Höhe, respektive ganz kurz rasiert, vor ihm in die ganze Tiefe ihres langen Grundstücks, wie frisch verlegter Rollrasen, ausbreitet.
Seine Begeisterung kennt keine Grenzen, als er die paar Glasstufen der Terrasse herunterspringt und wie ein kleines Kind auf dem Rasen aufkommt und dort sofort in die Knie geht, um ihn zu befühlen und zu streicheln – als wäre es das erste Mal.
Dann legt er sich komplett flach auf den Bauch und macht mit den Armen so eine streichelige Engelsfigur, um sich dann einige Drehungen hin und her zu wälzen. Bis er schließlich auf dem Rücken liegend diese Figur wiederholt, mit seinen Handinnenflächen zum Rasen hin gedreht.
Über alle Backen glücklich strahlend schaut er in die endlos blau weiße Höhe über ihm und stößt spontan einen Jubelschrei gen Himmel aus! Es muss sich unglaublich anfühlen, die weichen, feinen und zarten Grasstoppeln unter seinen Handinnenflächen beim Darüber-Streifen zu spüren, da er das ausgiebig genießt.
Dann plötzlich dreht er sich auf den Bauch zurück und nimmt anschließend eine leicht kniend gekrümmte Haltung kurz über dem Boden ein. Nur, um sic…
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