Mittwoch, 10. April 2069 – ums Frühstück herum
[ Episode 034 “Tierisch müde” ]
Das gemeinsame Spielen am Abend zuvor hat so viel Spaß gemacht und damit verging die Zeit so schnell, dass alle außer Knuud ihrem Wecker nicht gefolgt sind. Knuud, der beim zweiten Klingeln – immer – egal was sonst ist, aus dem Bett springt und nach kurzem Toilettengang und seiner Katzenwäsche am Morgen in bequemen Sachen und dann auch schon in der Küche seine Hand- und Routinegriffe macht.
Wo bleiben seine Frau und seine Kinder heute bloß? Er ist jetzt mit allem durch und wäre bereit, sein eigenes Frühstück draußen zu sich zu nehmen, aber noch ist niemand aufgetaucht – seltsam, sehr seltsam!
Hat er sich im Tag geirrt?
Um nachzusehen setzt er gerade einen Fuß auf die unterste Stufe der Treppe ins nächst höhere Geschoss, da hört er die verschlafene Stimme seiner Frau Kaatje, bei fast gleichzeitig erschallender Toilettenspülung. Kaatjes Stimme ist ziemlich lautstark, weil sie wohl die Spülung übertönen will, als sie ruft:
„Neelsi, Noolten, Nuurson, Naamti – wir haben verschlafen – raus aus euren Federn und schnell in die Küche – ihr kommt sonst zu spät!“
Dann ist es, wie wenn ein D-Zug oder ICE an Knuud die Treppen herunter an seinem – auf der untersten Stufe noch immer aufgestellten – Fuß vorbei rauscht mit Wiederholungen von:
„Morgen Dad!“
„Morgen, du lieber Knuud!“
Dann hört er allgemeines Rascheln, Mampfen und Schlürfen aus der Küche. Als er sich umdreht und den Fuß zurück auf den Boden des Erdgeschosses stellt und dort nun steht, rauscht der Zug mit:
„Viel Spaß Dad, bis später!“
„Lass es dir gut gehen Knuud, mein Guter!“
an ihm vorbei zur Haustüre hinaus, in den Van, dessen Motor auch schon anspringt und fort sind sie – alle fünf!
Nur die Türe – also die Haustüre, die haben sie im Vorbeirauschen einfach offenstehen gelassen. Aber das sind ja nur wenige Schritte für ihn und schon hat er sie geschlossen. Jetzt ist sein Frühstücken an der Reihe.
Kurz und schmerzlos – das kommt auch immer wieder mal vor. Recht selten – aber ja, Spielen war schon eine Leidenschaft, die es schaffte, dass sie alle zusammen die Zeit vergessen können, weil sie so viel Spaß zusammen haben und sich meist sehr glücklich dabei fühlen.
Das Wetter scheint heute noch wenig von der Sonne zu halten. So kuschelt sich Knuud direkt unter die Decke draußen auf seinen Frühstücksplatz und freut sich auf seinen heißen Kaffee mit Stulle, welche die üblichen zwei Schichten mit Butter, der unteren, und Nutella, der oberen, aufweist.
Heute beißt er zuerst von seiner Stulle ab, um diesen Bissen gleich mit seinem ersten Schluck heißem Kaffee hinunterzuspülen. Er genießt es, sich dabei von innen etwas erwärmt zu fühlen. Genießen geht immer auch bei nicht so sonnigem Wetter. Das ist keine schwere Übung für ihn.
So beginnen seine Gedanken wieder den Faden vom Vortag aufzugreifen, was seine Dauerbereitschaft für Tapcy heute wohl mit sich bringen würde? Ehrlich gesagt, ist ihm das völlig schleierhaft, was das sein könnte. Denn da kommt gerade einfach nichts bei ihm an. Als ob jemand den Kanal abgeschaltet hätte – Funkstille. Ja – fast sogar unheimliche Funkstille, so fürchtet er. Funkstille mit vielleicht bösem Überraschtwerden sogar?
Ob die BETA-KI aus dem Gröbsten jetzt raus ist und alle Kinderkrankheiten abgelegt hat? Ob sie sich selbst lernend auch selber optimieren kann inzwischen? Dazu ist er zu wenig Programmierer oder KI-Trainer, um das richtig einschätzen oder sagen zu können. Irgendwo in sich drin meint er schon, dass das Thema noch nicht ganz ausgestanden ist.
Aber was das genau bedeutet – für ihn – und in welcher Form es sich ihm wieder nähern würde, das kann er unmöglich definieren. Dazu gibt es keinerlei Erfahrungswerte. Keine Statistiken, keine Erhebungen, genau „Null“ Volksbefragungen oder auch sonst keinerlei Unterlagen, auf welche er zurück greifen kann. Er hängt diesbezüglich einfach in der Luft, kassiert Kohle für eine Bereitschaft, die sich aktuell nur in einer inneren Anspannung bemerkbar macht. Und das ohne, dass er weiß, ob das so für immer oder nur für heute oder dann auch noch für morgen sein Normalzustand sein würde.
Die Erfahrung, noch ganz jung – gerade mal eine Woche alt – also noch vor seiner alleinigen Dauerbereitschaft, liegt ihm schon noch quer im Magen. Diese lehrt ihn, dass von jetzt auf nachher alles von ihm abverlangt werden würde. Daraus nährt sich auch die Anspannung, die er permanent in sich wahrnimmt, aber nicht wirklich greifen kann.
Eigentlich kann er sich zur Zeit nur von ihr Ablenken durch aktive andere Beschäftigungen. Das ist so auch nur möglich, im festen Vertrauen darauf, dass die Klingel, dessen erschreckende Lautstärke er ja allein seinem Chef verdankt, ihn immer und überall erreichen und zur Problemlösung direkt im nächsten Moment mit ins Boot holen würde.
So lässt er einfach eine bestimmte Zeit am Morgen verstreichen, bevor er sich anderen Aufgaben oder Ideen zuwendet. Es würde ihn zu sehr enttäuschen, wenn er gerade etwas anderes begonnen hätte und dann davon doch noch plötzlich durch seine Dauerbereitschaft weggeklingelt werden würde.
Eine Art Tapcy-Galgenfrist könnte man das schon nennen. Ein Begriff, der ihm so beim Begrübeln seiner aktuellen Situation kam. Dadurch versucht er herauszufinden, was das mit ihm macht, wohin das führt und ob er dem auch tatsächlich gewachsen sein würde.
Das nun herauszufinden ist dagegen wirklich keine leichte Übung für ihn!
Sein Buch, die Krimi-Komödie, hat er vergessen gleich mit rauszunehmen. Noch nicht mal halb hat er es bisher geschafft, zu lesen. Jederzeit nach der Galgenfrist kann er es sich ja mit nach draußen nehmen. Zum Beispiel, wenn er sich einen neuen Kaffee in seine XXL-Tasse holt und dabei auch gleich den Weg nutzt, um der Toilette seinen Besuch abzustatten, um bestimmte Flüssigkeiten von sich lassend – fachgerecht – zu entsorgen.
So in Gedanken muss ihn die Müdigkeit jetzt ereilt haben. Diese hat er genauso heute morgen, wie alle anderen. Nur durch den Schreck seines zweiten Morgenweckers – ob der ToDos und der Angst, durch Betätigung der Schlummern-Taste schlussendlich doch noch zu verschlafen, hütet er sich davor, diese auch nur zu berühren. Stattdessen schwingt er sich sofort aus dem Bett und nutzt das Adrenalin positiv, um dadurch in Aktion zu kommen.
Diese Müdigkeit drückt ihn jetzt tiefer in seine Kuscheldecke in seinen Frühstücksplatz und weit weg ins Schlummerland der Dauerbereitschafts-träume, wohin wir ihm jetzt mal nicht folgen wollen.
Eine ähnliche Müdigkeit hat auch bei Nachbars bestimmte Personen fest im Griff. Tapcys Vorteil ist ja, dass sie außer Ladung keinen Schlaf oder Ausruhen an sich benötigt, um in Leistung aller Art und zu jeder Zeit zu glänzen. Kattlen kommt heute gleichzeitig mit Ksavver und deutlich früher in der Küche an, um an der Theke Platz zu nehmen, weil sie ja das lecker angerichtete Buffet von Tapcy, ihrer digitalen Haushaltshelferin und spitzeligen Mitagentin, ausgiebig genießen wollen.
Alles scheint wie immer zu sein.
Erst nach dem zweiten Brötchen fragt Kattlen Tapcy:
„War Luzzie noch nicht beim Frühstück?“
„Nein, liebe Kattlen, Agentin Lu habe ich heute noch nicht gesehen. Bin mir aber sicher, dass sie gleich kommt.“
Nach zwei weiteren leckeren Brötchenhälften steht Kattlen entschieden mit den Worten:
„Ich sehe jetzt mal nach ihr!“
von der Küchentheke auf und nimmt die Wendeltreppe nach oben, wobei es nicht lange dauert bis sie wieder außer Atem in der Küche auftaucht und erschrocken sagt:
„Ksavver, Luzzie ist nicht in ihrem Paradies, das Bett ist unberührt, was ist denn bloß los? Wo könnte sie denn sein? Was könnte denn da passiert sein?“
„Liebe Kattlen, setz dich und beruhige dich wieder, ich weiß, wo Luzzie ist!“
„Du, Tapcy, du weißt, wo Luzzie ist? Ich checke es nicht, wieso weiß ich als ihre Mutter nicht, wo meine siebenjährige Tochter über Nacht abgeblieben ist?“
„Sie ist nirgends abgeblieben, Agentin Ka, sie hat nur den Auftrag von DA Ksavver auch über Nacht pflichtbewusst ausgeführt – mehr kann ich dazu nicht verraten, weil sie…
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