Donnerstag, 11. April 2069 – nach dem Mittag

[ Episode 040 “Tierischer Lebensraum” ]

Es ist in einer der Pausen. Also zwischen zwei ihrer ToDos. Für diese Pausen hat sich Tapcy für heute ausgedacht, diese immer mit ihren Gästeküche-Tierchen-Besuchen verbringen zu wollen.
Sie hat schon erkannt – besser gesagt – genau errechnet, dass sie alles ganz bequem schaffen wird, trotz ihrer geplanten tierischen Abwechslungen und Ksavver daher sicher auch keine unnötige Unruhe entdecken oder gar deswegen erleben muss, wenn er ihre Tätigkeiten dann überprüfen würde, für seinen Bericht. Weil er ganz einfach 0,0 [ Null Komma Null ], also nichts davon merken wird.
In einer dieser kurzen Pausen, sie hat sich dazu ein Limit von jeweils sieben Minuten gesetzt, um nicht uferlos Zeit bei den Kleinen zuzubringen, da beobachtet sie die Tierchen bewusst mal mehr einzeln und ihr fällt etwas auf.
Das Kätzchen, das – obwohl jung und klein, doch schon etwas größer ist als das doch deutlich kleinere Eichhörnchen, hatte dadurch offensichtlich auch einen engeren Lebensraum in seinem Käfig und nicht so viel Platz, um sich darin “frei” bewegen zu können.
Das macht Tapcy stutzig und tut ihr aufgrund ihrer Recherche zu den natürlichen Lebensräumen der Tierchen jetzt plötzlich voll leid. Daher überlegt sie, dass sie ja jetzt damit anfangen könnte, den Tierchen Dinge beizubringen. In ihren recherchierten Berichten hat sie herausgefunden, dass es besonders die Bezugsperson zu den jungen Tierchen ist, welche dazu immer eine ganz entscheidende Rolle – für eigentlich alles – spielt. Ihr ist schon bewusst, dass das Luzzie, also Agentin Lu sein soll. Sie weiß auch, dass Lu von ihrem Herzen her, genau das ja sehr gerne sein möchte.
Aber es würde ja im praktischen Alltag nicht funktionieren, wenn sie selber, als diejenige, die immer da ist, gar keine Beziehung zu den Tierchen haben würde, soviel stand für sie fest.
Es tut ihr gut, zu merken, dass die Tierchen keine Abneigung gegen sie hegen. Das merkt sie zum Beispiel auch daran, dass diese ihr toben nie unterbrechen, wenn sie plötzlich lautlos, wie aus dem Nichts in den Raum schwebt und daher erst verzögert von ihnen – und das dann ganz plötzlich erst, erkannt wird – nach der nächsten Drehung im Käfig zum Beispiel.
Sie als digitale Maschine wirkt nicht erschreckend auf die Tiere, das findet sie für sich wichtig einfach mal als Fakt festzuhalten.
Das ist schon mal eine Grundvoraussetzung, um eine Beziehung überhaupt aufbauen zu können und es leichter zu haben, also keine Abneigungs-Hürde überwinden zu müssen. Das ist Tapcy so was von klar!
Da ist noch etwas, was Tapcy auffällt. Denn immerhin hatte sie das Kätzchen ja schon zweimal selber auf ihrem Arm. Beim ersten Mal war es ja wie ausgeknockt und hat daher gar keine Regung gezeigt. Aber beim zweiten Mal hat es sich richtig angekuschelt und ist überhaupt nicht – genauer: Kein Bisschen – auf Abstand zu ihr gegangen.
Daher überlegt sie, ob sie das Kätzchen nicht einfach aus dem Käfig auf den Arm nehmen und streicheln oder herumtragen könnte in dieser besagten nächsten Pause. Und es dann am Ende der Pause direkt wieder zurück in ihren Käfig tun könnte.
Dies scheint ihr ein schlüssiger und einfacher Schritt in die richtige Richtung zu sein, um Vertrauen für eine tierische Beziehung ihrerseits aufzubauen. Damit sie dann auch tatsächlich mal eine echte digitale Trainerin für das kleine Kätzchen in ihrem gemeinsamen Haushalt als Familie werden kann.
Da sie keinen Grund erkennen kann, das nicht zu tun, weiß sie auch nicht, worauf sie noch warten soll und nimmt sich das gleich für den nächsten kleinen Abstecher – nach ihrem jetzt fast fertig erledigten ToDo – ganz fest vor.
Schon schwebt sie direkt in die Gästeküche ins Obergeschoss hoch.
So leise und lautlos wie immer, wahrt sie erstmal noch einen bestimmten Abstand zu den Käfigen. Die Tierchen sind im Moment nicht so laut wie sonst schon, aber auch nicht am Schlafen, so dass sie bereits einen Augenblick später vor dem Käfig des Kätzchens schwebt und dann dessen jetzt sichere Entriegelung des Käfigtürchens öffnet. Mit beiden Armen und leicht gebeugter Körperhaltung macht sie eine einladende Geste. Wenn du willst, stellt sie diese Geste als gesamte KI ganz plastisch dar.
Schwupps – husch – sie braucht nicht lange zu warten, da springt das Kätzchen direkt in und auf ihre Arme und schnuckelt sich ein.
Tapcy schwebt mit ihr durch die Gästeküche hin und her, immer gefolgt von dem Augenpaar des kleineren Eichhörnchens. Zwischendurch macht dieses immer so kleine zuck- und ruckartige Hopser, was ganz niedlich aussieht, wie Tapcy findet. Dabei dreht es sich auch ein- oder zweimal rasch um sich selbst – und dann hängt das Augenpaar schon wieder ganz gebannt auf der Katze auf ihrem Arm. Jede noch so kleine schwebende Drehung oder Bewegung, der tierisch beladenen Künstlichen Intelligenz wird von diesem Augenpaar ganz genau fokussiert und verfolgt.
Als Tapcys innerer und für die Tierchen unhörbarer Wecker nach 7 Minuten angibt, dass die Pause um ist, schwebt Tapcy vor die Käfigtüre und lädt das Kätzchen hinein, direkt zu seinen Fressnapf hin. Das schnurrende Tierchen scheint glücklich darüber zu sein und wendet sich dem Fressen zu – miauzt ganz kurz und beginnt sich das Fressen reinzuschnurren.

Entspannt schließt Tapcy das Türchen des Katzenkäfigs wieder, blickt dem Eichhörnchen vielsagend in die Augen und wendet sich schwebend aus der Küche, um das nächste geplante ToDo anzuvisieren. Wobei sie sich schon tierisch auf die Pause danach freut, die sie wieder hier oben in der Gästeküche zubringen möchte.
Vielleicht dann mit dem Eichhörnchen?
Mal sehen, erst kommt ja wieder die Arbeit und dann – genau, das Vergnügen – da liegst du völlig richtig!
Gerade kommt sie im Untergeschoss an, wo sie es mit der Wäsche ihrer Familienmitglieder zu tun haben wird und daher dann auf direktem Weg den Wäscheraum im Keller ansteuert.
Die Waschmaschine ist fertig und die Wäsche muss nun auf den Ständer dort im Kellerraum zum Trocknen aufgehangen werden. Da unklar ist, ob das Wetter trocken und warm genug bleiben wird heute, bevorzugt sie diese Variante.
Schnell hat sie alles aus dem Wäscheturm – also aus der Waschmaschine, welche aufgrund ihres deutlich größeren Gewichtes, die untere der beiden Maschinen im Turm ist, herausgenommen und in einen Wäschekorb gelegt. Mit diesem kann sie nun die gut geschleuderte Wäsche auf einen Stuhl stellen und daraus Kleidungsstück für Kleidungsstück auf den Wäscheständer platzieren. Alles soll fein säuberlich und ganz glatt gezogen dann dort mit etwas Abstand zueinander hängen, um gut trocknen zu können.
Das Hängen der Wäsche im Keller ist sicher. Denn Wind ist im Keller nicht zu erwarten. Daher braucht sie keinerlei Wäscheklammern oder Ähnliches nutzen, was den Prozess des Aufhängens deutlich schneller ablaufen lässt, als das draußen der Fall wäre, wo die Wege weiter sind und auch der Wind die Wäsche gerne von der Wäschespinne bläst, wenn Tapcy ‘vergessen’ haben sollte, jedes einzelne Stück mit mindestens zwei Klammern zu sichern. Auch vor Dieben oder einer Beschmutzung, durch darüber hinweg fliegende Vögel, ist die Wäsche beim Trocknen im Haus, bestens geschützt.
Damit Tapcy gut rankommt und die Höhe des Wäscheständers meistern kann, steht dort eine Bank, auf welcher sie dann schweben kann. Du erinnerst dich vielleicht, dass sie nur in einem bestimmten Abstand zum Boden oder zu Wänden oder zu anderen Dingen schweben kann, auf welche sie sich mit ihrer eigenen Anziehungskraft „ansaugend“ bindet.
Nur so kann sie Hindernisse überwinden und mit diesem Trick auch Dinge tun, die sie als digitale Haushaltshelferin ja tun können muss, um wirklich nützlich zu sein. Denn diese Dinge sind ja eigentlich einst auf das Maß der Menschen angepasst und zugeschnitten worden. Ein Maß, welches sie so nun gar nicht hat, als fliegendes Tablet auf und mit ihrer eigenen Cloud, einer elektrischen und sehr spannenden Wolke.
Bevor Tapcy die Wäsche zum Trocknen aufgehangen hat, war sie so schlau, gleich schon die nächste Wäsche in die Waschmaschine zu packen und anzuschalten, um die Zeit richtig auszunutzen, da die waschende Maschine so ja parallel zu ihr auch gleich wieder weiterarbeiten kann.
Der Wäscheraum hat ein ausgeklügeltes Luftsystem, um die Wärme, welche die Maschinen darin erzeugen, auch zum Heizen des Gebäudes im Winter oder zum Trocknen der Wäsche im Raum selber zu nutzen. Der Trocknenprozess ist zwar immer noch langsamer als draußen an der Sonne, aber beschleunigt wird er dadurch doch schon um einiges.
Die Luftzirkulation im Raum selber wird immer ionisiert, was für frische Luft darin sorgt. Und das ohne, dass der Raum auskühlt. Dadurch herrschen darin optimale Verhältnisse zum Trocknen – auch ganz ohne Sonne. Die feuchte Luft wird zudem permanent dabei abgesaugt, weil sich trockenere Luft leichter erwärmen und auch warm halten lässt, als feuchte.
Alles das ist auch KI, aber eben in maschineller Technik versteckt, die ganz im Hintergrund eingebaut und durch MOSH nochmals und immer wieder optimiert wird. Viel an Optimierung passiert auf der Software-Ebene per Fernwartung ganz automatisch.
Eine weitgehend unsichtbare, da eingebaute oder ‘verbaute’ KI, die nichts mit Menschen oder gar mit Kätzchen oder Eichhörnchen zu tun haben möchte. Eine KI, die einfach nur ackert und das rund um die Uhr – ohne Gefühle, ohne Eigenleben und ganz ohne Persönlichkeit.
Eine KI, welche keinen eigenen Lebensraum benötigt. Außer natürlich den Maßen der Technik, in welcher sie steckt, plus dem Abstand um diese Technik herum, für die Kühlung durch die Lüftungsgitter, die in der Regel zum Schutz vor den Ventilatoren sitzen, die auf keinen Fall verstellt oder zugebaut werden dürfen – sonst droht der KI der frühe Überhitzungs-Tod!
Oder herrscht im vorigen Gedanken ein kleiner Denkfehler? Weil Tapcy ja jetzt das zentrale Steuer- und Überwachungsgerät all der ganzen Smart Home Technik im Hause Ksavver ist?
Kaum hat Tapcy das letzte Stück der Familienmitgliederkleidung aus dem Korb auf dem Wäscheständer aufgehangen, huscht sie schwebend aus dem Wäscheraum hinaus. Die Türe hinter sich verschließend und auch die anderen Treppenflurtüren im Untergeschoss im Vorbeischweben prüfend, dass sie zugezogen sind, ist sie mir nichts dir nichts schon auf der Treppe, um zwei Etagen höher wendelnd emporzuschweben.
Auf direktem Weg geht es in den Küchenbereich, der die geheimnisvollen Gäste beherbergt. Diese haben etwas von ihrem Geheimnis – für Tapcy bereits – verloren, weil sie ja viel recherchiert hat und ihr diese Tierchen dadurch schon sehr vertraut sind, zum Einen. Zum Anderen sind diese ihr inzwischen doch schon ganz eng an ihren Kernel gewachsen.
Zu hören ist nichts von den Tieren, fällt ihr dabei auf. Trotzdem nähert sie sich weiter ganz leise der Türe und schwebt hindurch, als sie diese langsam und leise geöffnet hat – wie immer.
Drin in der Küche ist sie just enttäuscht, als sie die Käfige in Augenschein nimmt, weil gar keine Aktion darin stattfindet. Daher muss sie näher ran, um zu sehen, was los ist, weil die Tierchen nicht direkt zu sehen sind. Aber aus nächster Nähe erkennt sie in beiden Käfigen, dass sich die Türchen in geschlossenem Zustand befinden und die Tierchen sich in ihren Rückzugsräumen aufhalten müssten.
Das erkennt sie daran, dass etwas Fell jeweils daraus sichtbar für sie von außen ist. Somit nimmt sie an, dass die Beiden ihrer Müdigkeit, die sicher eine Folge ihres Herumtobens im Käfig darstellt, zum Opfer fielen und nun in einem tieferen Nickerchen stecken.
Schade eigentlich, denkt Tapcy. Genießt dann einfach den Anblick einige Zeit und die Ruhe im Raum und das friedliche Schlafen der Beiden, bevor sie sich an ihr nächstes ToDo macht.
Die nächste Pause kommt bestimmt!
Nun muss sie in die Küche, da ja die beiden Agentinnen Ka und Lu demnächst wieder zu Hause – in der geheimen Agentur – aufschlagen müssten.
Ein Blick in ihren heutigen Kalender verrät ihr zudem, dass ein neuer Termin um 19:00 Uhr für heute eingetragen ist – von DA Ksavver, wie es scheint. Nur hat er nicht dazu vermerkt, was das für ein Termin sein würde.
Darüber rätselnd landet sie schon sanft in der Küche in der Etage tiefer und beginnt mit den Vorbereitungen für die Rückkehr der beiden Agentinnen. Diese sind dann meist hungrig. Aber in der Regel gibt es erst abends die gemeinsame und warme Mahlzeit des Tages für die ganze Familie.
Daher benötigt sie jetzt nur das Geschirr und muss einfach selber dann bereitstehen, sobald sie da sind, um ihren beiden liebsten Frauen im Haus die eine oder andere Zutat aus den Küchen- oder Vorratsschränken und Schubladen zu reichen.
Manchmal wollen sie Salat oder Müsli essen oder auch ein übriges Brötchen vom Frühstück toasten und sich das irgendwie zubereiten. Nicht selten machen sie das dann mit Tapcy zusammen, also Hand in Hand und beginnen dabei schon mit dem Agenturaustausch. Sie stellen also gemeinsam fest, was es noch alles zu tun gibt und wie sie sich die Dinge aufteilen, um effektiv zu sein. Bis DA Ksavver zurück sein würde, wollen sie soviel wie möglich erledigt haben oder neues Wissen oder gar Wichtiges vorweisen können.
Die digitale Haushaltshelferin weiß nun nicht, ob der Termin um 19:00 Uhr „nur“ zum gemeinsamen Abendessen der geheimen Agentur eingetragen wurde oder andere Gründe hat. Sehr wahrscheinlich, nimmt sie an, wird es schon zumindest die gesamte Agentur und deren Mitarbeiter, sprich Agentinnen, Agenten und sicher auch den Spitzel der Crew, betreffen.
Auch weiß sie jetzt nicht, ob sie nur als Familie zusammen sein würden oder mit Gästen. Wobei – Gäste, kann sie eigentlich aufgrund der ihr bekannten Geheimhaltungsstufe über sie selbst, gleich ausschließen.
Also ziemlich sicher nur die Familie.
Ein Essenswunsch ist nicht ersichtlich, so dass sie nun die Vorräte checkt, um daraus dann ein mögliches Menü zaubern zu können auf Punkt 19:00 Uhr.
Da noch nicht alle Küchengeräte oder Vorratsmöglichkeiten im Hause Ksavver wirklich „smart“ sind, muss sie noch eine Mischliste aus digitalen Erkenntnissen und optischem Prüfen der Vorräte erstellen. Um dann tatsächlich auch zu diesem Ziel zu kommen, für heute Abend das Passende zu finden, ohne, dass es das gestern oder im Verlauf der letzten ein bis zwei Wochen bereits so als Mahlzeit gegeben hat.
Sie ist auch darin flink und effektiv, weil sie sehr systematisch vorgeht. Sie notiert ja alles selber und bringt das gleich in solche Übersichten in ihre Datenbank, die sowohl für sie digital, als auch für Menschen, lesbar wären. Das nur, wenn sie diese auf ihrem Display anzeigt, in einer Nachricht versendet oder auch als Notiz auf einem Papier ausgedruckt weitergibt.


Klar, dass das optische Prüfen am Längsten dauert. Auch weil sie dabei immer für gute Übersicht und Ordnung in allen Vorratsmöglichkeiten gleich selber sorgt. Das macht es nicht nur ihr, sondern allen anderen auch viel leichter, etwas zu finden oder schneller zu sehen, was da ist und was nicht.
Das System wäre in sich so schon fast perfekt, wenn es nicht den Faktor Mensch darin geben würde. Denn dieser Faktor kann ja theoretisch und praktisch auch, jederzeit stattfinden und auch einfach spontan kurz zwischendurch mal passieren!
Auch just dann, wenn Tapcy gerade alles ganz frisch erfasst und notiert hat. Wenn danach jemand aus der Familie etwas verbraucht, ohne das – der für die Übersicht der Vorräte – zuständigen Künstlichen Intelligenz unter die „Nase“ zu reiben, hat das zur Folge, dass ihr Aufschrieb im nächsten Moment bereits seine Gültigkeit verloren hat.
Da sie ja nicht weiß, was derjenige verbraucht hat, muss sie alles neu checken. Also vorrangig alles…


Kommentare

Ein Kommentar zu „40. Tierischer Lebensraum“

  1. […] 40. Tierischer Lebensraum 16. Oktober 2026 […]

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